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Aus im Kurmittelhaus!

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Vorzeichen dafür gab es seit langem, nun aber ging alles ganz schnell. Überraschend schnell. Der städtische Kurbetrieb im Kurmittelhaus wird schon zum Ende des Jahres eingestellt, die dortigen drei Mitarbeiter der Kur und Tourismus GmbH werden ihre Kündigungen bis zum 31. Dezember erhalten. Das Arbeitsverhältnis endet dann nach Ablauf der jeweiligen Kündigungsfrist. Und auch die Mieter müssen gehen – dank ihrer in den Mietverträgen verankerten Kündigungsfrist erst Mitte 2010. Der Stadtrat fasste diesen Beschluss im Rahmen seiner letzten nichtöffentlichen Sitzung am Donnerstag vergangener Woche. „Fast einstimmig“, wie Erster Bürgermeister Jürgen Zinnert verriet.

Bald Ruine oder doch neue Hoffnung? Der städtische Kur– und Badebetrieb wird zum Ende des Jahres eingestellt, den GmbH-Mitarbeitern wurde gekündigt.

Bald Ruine oder doch neue Hoffnung? Der städtische Kur– und Badebetrieb wird zum Ende des Jahres eingestellt, den GmbH-Mitarbeitern wurde gekündigt.

Dieser betonte bei der Rechtfertigung für diese plötzliche und schmerzhafte Zäsur – das ist sie natürlich vor allem für die Mitarbeiter –, dass in erster Linie rein wirtschaftliche Gründe Ausschlag gebend waren. Das in die Jahre gekommene Haus verursacht laut Bürgermeister bei der Stadt ein Minus von 40.000 bis 50.000 Euro pro anno aufgrund kalkulatorischer Abschreibungen und Zinsen sowie Betriebskosten. Hinzu kommt ein Defizit von 50.000 bis 60.000 Euro jährlich bei der Kur und Tourismus GmbH für den laufenden Kurbetrieb im Kurmittelhaus. Eine Attraktivierung bzw. Sanierung ist aufgrund der immensen Kosten ausgeschlossen.

Dem Stadtrat ging es aber nicht nur um die Streichung dieser Kostenstelle, sondern auch um die Zukunft des Hauses. Wie der Bürgermeister sagte, wollte man ein Zeichen setzen. Deshalb habe man so kurzfristig entschieden und auch in Kauf genommen, dass die Mitarbeiter ihre Kündigung quasi unter dem Christbaum liegen haben. Wobei Herbert Günsche, der Leiter des Kurmittelhauses, einen zweifelsohne besonderen Härtefall darstellt. Er feiert in Kürze 40-jähriges Betriebsjubiläum und ginge in gut zwei Jahren in Rente.

Besagtes Zeichen ist adressiert an den einzigen Kauf-Interessenten des Kurmittelhauses. Dieser ist Kneipp-Bade-meisterin Johanna Enache-Wigger, die zusammen mit ihrem Mann Radu Enache eine Massage- und Physiotherapiepraxis im zweiten Stock des Kurmittelhauses betreibt. Sie hat ein Kaufangebot abgegeben, das der Stadtrat bereits so gut wie abgesegnet hat. Bislang aber konnte trotz der Absichtserklärung beider Parteien immer noch kein Vollzug gemeldet werden.

Woran es hakt? Johanna Enache-Wigger möchte das Haus in Gänze in Anspruch nehmen und somit auch die Wohnung von Herbert Günsche im Erdgeschoss nutzen, die jedoch nur unter Einhaltung der gesetzlichen Kündigungsfrist von einem Jahr gekündigt werden kann. Die Enaches auf der anderen Seite möchten kein ganzes Jahr warten, zumal ihnen andere, lukrative Angebote aus Nachbargemeinden vorlägen. Die Lage ist verzwickt und die für die Stadt vielleicht einmalige Chance, diese defizitäre Immobilie abzugeben und an gleicher Stelle einen Gesundheitsbetrieb mit renommiertem Betreiber zu behalten, schwindet zusehends. Auch deshalb habe der Stadtrat nun ein klares Signal senden wollen. Jürgen Zinnert: „Wir wollten einen neuen Anfang ermöglichen und den Enaches auch zeigen, dass wir sie unbedingt halten wollen“.

Nun freilich ist dieses Signal zunächst nur von ideellem Wert, denn das einjährige Wohnrecht von Herbert Günsche bleibt dadurch unangetastet.

Es hat sich also an der verzwickten Ausgangslage nicht so viel geändert. Es sei denn, Herbert Günsche lenkt ein, zieht vorzeitig aus dem Kurmittelhaus aus. Ob die Stadt dann bereit wäre, über die Verlängerung seines Arbeitsverhältnisses nachzudenken?

Konfrontiert man Jürgen Zinnert mit diesem ersonnenen Kuhhandel erntet man ein heftiges Dementi. Die in der letzten Stadtratssitzung getroffenen Entscheidungen können letztendlich kein Druckmittel sein und die Möglichkeiten eines solchen Deals seien nicht einmal mehr andiskutiert worden. „Wir hoffen immer noch auf eine einvernehmliche Lösung“, so der Bürgermeister, der freilich weiß, dass im schlimmsten Falle eine weitere Ruine droht. Denn auch die zwei neben der Familie Enache verbleibenden gewerblichen Mieter, die Podologin Carmen Ball und die Wohlfühlregion Fichtelgebirge, müssten sich bei einer Schließung eine neue Bleibe suchen. Während sie unter der Leitung der Familie Enache wohl im Kurmittelhaus bleiben könnten.


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