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Bad Berneck bald im Tablet-Fieber?

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Jürgen Zinnert sagt über sich selbst, er neige weder mimisch noch verbal zu überbordenden Emotionen. Wenn sich der Bürgermeister unserer Stadt dann „absolut begeistert und berührt“ gibt, so ist dies dann schon einen genaueren Blick auf die Ursache wert. Dieser führt in das Kreativhouse zu Sabine Gollner und Nigel Amson. Dort in der Maintalstraße verpasst das deutsch-britische Kreativpaar ihrem derzeit größten Projekt den letzten Feinschliff. Obwohl noch Nuancen fehlen, wurde die QR-Tour Bad Berneck – Goldkronach nun einem interessierten Personenkreis vorgestellt. Der Tenor? Überaus positiv, oftmals sogar überschwänglich.

Drei Hauptdarsteller eines touristischen Modellprojekts. Von rechts: Nigel Amson, Sabine Gollner (Kreativagentur „It‘s about Time“) und Filmemacher Dominic Day bei der Vorstellung der QR-Tour.

Drei Hauptdarsteller eines touristischen Modellprojekts. Von rechts: Nigel Amson, Sabine Gollner (Kreativagentur „It‘s about Time“) und Filmemacher Dominic Day bei der Vorstellung der QR-Tour.

Zweiter Bürgermeister Alexander Popp findet die QR-Tour „einzigartig und klasse umgesetzt“, Gerald Jung von der Bad Bernecker Tourist-Information ist „absolut begeistert“. Er bezeichnet das Projekt als „hochwertig und informativ. Und es beinhaltet fast immer einen künstlerischen Aspekt.“ Claus Rabsahl vom Burgenverein, der wie viele andere Bad Bernecker auch wichtige Beiträge für dieses Projekt geliefert hat, sprach von einer „absolut professionellen Umsetzung. Das habt ihr super hinbekommen.“
Dass es dieses strahlkräftige touristische Modellprojekt auch noch zu einem absoluten Schnäppchenpreis gibt, trägt freilich ein Übriges zur allgemeinen Begeisterung bei. Erster Bürgermeister Jürgen Zinnert sagt, er hätte die Kosten angesichts des immensen Aufwandes, den das Duo Gollner / Amson hier betrieben hat, „zwei- bis dreimal so hoch“ geschätzt. 60.000 Euro kostet die gesamte QR-Tour für Bad Berneck und Goldkronach. Berappen muss die Stadt aufgrund der günstigen Fördersituation aber lediglich 2500 Euro.
Nach Meinung aller Beteiligten hat diese Tour das Zeug zum ganz großen touristischen Wurf. 25 Stationen in Bad Berneck und weitere acht in Goldkronach umfasst die „digitale Schnitzeljagd“ (Sabine Gollner). Starten soll sie schon im September, zeitgleich mit der Wandersaison. Zunächst in Bad Berneck. Goldkronach wird folgen. Die Zielgruppe ist vielschichtig: Wanderer, Geocacher, Technikfreaks oder auch Schulklassen und Bildungshungrige, die ihre Englischkenntnisse aufbessern wollen. In der Tat: Auch das geht, denn die QR-Tour ist zweisprachig angelegt. „Englischsprachige Attraktionen gibt es in unserer Gegend kaum“, sagt Sabine Gollner. Und die QR-Tour ist eine.
„Und natürlich“, so ergänzt die Projektleiterin, ist das auch etwas für die Bad Bernecker selbst. Sie werden ihre Stadt einmal von einer ganz anderen Seite kennenlernen und Sachen erfahren, die sie bislang noch nicht wussten.“ 836 Bilder wurden eingearbeitet, 30 Videos und 24 Audioclips – was einer Datenmenge von rund einem Gigabyte entspricht.
An der Station Hotel Bube beispielsweise ist Ingrid Binecki zu hören. Die ehemalige Kneipp-Bademeisterin erzählt in ihrer bekannt launigen Art aus ihrer Zeit im ehemals ersten Haus am Platze. Wie sie einen Kurgast bat, sich für ein Armbad freizumachen, und dieser dann plötzlich splitternackt vor ihr stand. Mit solchen Geschichten – dazu Bilder, Filme, kurze Texte – wird die Stadtgeschichte erlebbar gemacht. Nigel Amson sagt fast schon philosophisch: „Diese Stadt ist nicht tot, sie schläft nur. Und wir wollen helfen, sie wieder aufzuwecken.“
Die Erweckung beginnt mit einer kostenlosen App. Diese muss man sich zunächst auf sein Tablet herunterladen. Der Download kann aufgrund der Datenmenge und abhängig von der Übertragungsgeschwindigkeit schon bis zu einer Stunde dauern. Aber danach kann es losgehen. Ab sofort ist man unabhängig von der Qualität seiner eigenen Internetverbindung. Man streift offline durch das Stadtgebiet. Über die App erfährt man zunächst auf einer Karte nur, wo die QR-Punkte in der Stadt ungefähr liegen. Genau finden muss man sie selbst. Erst wenn der Punkt entdeckt und auch gescannt wurde, werden die dazu hinterlegten Informationen auch sichtbar. Man kann diese nun direkt am Ort des Geschehens anschauen oder später ganz bequem auf dem Sofa zuhause. Sobald ein Punkt aktiviert wurde, bleibt er für immer auf dem Tablet. Auf der anderen Seite bekommt man Informationen zu den jeweiligen Stationen erst dann, wenn man auch wirklich da war. Sabine Gollner spricht vom „Da-musst-du-hin-Prinzip.“ Besuch gegen Information – so funktioniert das Tauschgeschäft, das eine Win-Win-Situation par excellence darstellt.
Erfährt man dazu dann noch, dass man sich einzelne Punkte herausgreifen und diese zu thematischen Touren, z.B. „Bad Berneck historisch“ oder „Bad Berneck und Kneipp“, verbinden kann, so erkennt man sofort auch die Vermarktungschancen, die sich aus dem Projekt ergeben.
Bevor man allerdings in die Lobgesänge des Großteils derer mit einstimmt, die dieses Projekt schon zu Gesicht bekommen haben, und sich Gedanken macht, wie man den bislang noch nicht so medial interessierten und rudimentär Technik affinen Bad Bernecker begeistern könnte, sollte unbedingt noch erklärt werden, warum die Tour nur auf Tablets, nicht aber auf Smartphones funktioniert.
Da sind zum einen rein wirtschaftliche Überlegungen. Denn für ein Tablet, so erklärt Sabine Gollner, müsse man nur zwei unterschiedliche Varianten programmieren, eine auf Android, eine auf IOS-Basis. Für Smartphones gebe es wesentlich mehr Variationen. Das Projekt wäre deutlich teurer geworden. Um rund 25.000 Euro, so schätzt sie. Außerdem hätte es für eine QR-Tour auf Smartphone-Basis keine Förderung gegeben. „Eine Smartphone-Tour gibt es schon, das ist nichts Neues“, sagt auch zweiter Bürgermeister Alexander Popp, der an der Konzeption des Projekts und auch am Förderantrag maßgeblich mitgestrickt hat und davon überzeugt ist, ein absolutes Alleinstellungsmerkmal zu besitzen. „Solch ein digitaler Reiseführer, der ist einzigartig. Auch in größeren Städten gibt es so etwas noch nicht.“
Zusätzlich trägt man freilich auch dem stetig wachsenden Tablet-Markt Rechnung. Der Marktanalyst IDC beispielsweise prognostiziert einen weltweiten Anstieg von verkauften Tablets von 160 Millionen im Jahr 2013 auf 260 Millionen im Jahr 2016. Und noch einen wichtigen Grund gibt es, warum Tablet besser ist als Smartphone. Er hat mit dem künstlerischen Anspruch zu tun, den diese Tour neben dem rein informativen auch hat. Die hochaufgelösten Fotos und aufwendig produzierten Videos entfalten auf einem größeren Display eine viel hellere Strahlkraft. Nur ein Beispiel: Der britische Künstler und Filmemacher Dominic Day, der für die 30 Videos hauptverantwortlich zeichnet, hat eine Nacht lang auf dem Schlossturm verbracht, um das sich verändernde Firmament über den Ruinen aufzunehmen und daraus ein rund 90-sekündiges, zeitgerafftes Video zu produzieren. Es ist ein faszinierendes Werk, dessen Darstellung aber nur auf einem halbwegs großen Display wirklich Sinn macht.
Dass noch nicht jeder potenzielle QR-Tour-Gast über ein eigenes Tablet verfügt, ist Sabine Gollner durchaus bewusst. Hier will sie die Tourist-Information mit ins Boot holen – und natürlich auch die Gastronomen. Ihre Idee: Sie könnten sich die Geräte für ihre Gäste anschaffen – am besten als Sammelbestellung zu günstigeren Konditionen – und diese dann gegen Gebühr verleihen. Denn klar ist freilich auch: Es müssen genug Tablets in der Stadt sein. Nur so kann sich auch Sabine Gollners Wunsch erfüllen. Sie möchte nämlich irgendwann einmal folgende Schlagzeile über ihre liebgewonnene Wahlheimat lesen: „Bad Berneck im Tablet-Fieber.“ wum

INFO
Parallel zu den finalen Arbeiten für die Bad Bernecker Version hat sich Sabine Gollner schon auf den Weg gemacht, um die QR-Tour vorzustellen und zu erklären. Alle Bad Bernecker auch mitzunehmen und zu begeistern, bezeichnet sie als ihre derzeit größte Herausforderung. Sie will beispielsweise die Gastronomen abklappern, auf dem Sommerparkfest einen Stand aufbauen und beim Gesangverein vorstellig werden. „Das wäre mein Wunschtraum, dass die Damen und Herren vom Gesangverein den Kindern erklären, wie die QR-Tour mit solch einem Tablet funktioniert.“


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