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Die Rückkehr der Turmbläser

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Hof des Stadtmuseums, informativen Stadtführungen und Wanderungen von und nach Stein beteiligte sich die Kurstadt diesmal am „Tag des offenen Denkmals“. Die Führungen sowie die Wanderung zur Burgkapelle Stein waren gut besucht.

Nur eine alte Mauer? Nein, denn eigemauert ist hier ein Teil des alten Kreuzweges von Veit von Wallenrode, wie Stadtführerin Heidi Hegenbarth (rechts) erklärte.

Inzwischen schon Tradition ist zudem, dass der Schlossturm zur Begehung geöffnet ist. Treffpunkt aller angebotenen Führungen war das Stadtmuseum, wo zudem eine Foto-Ausstellung „Bad Berneck – einst und jetzt“ darstellte. Darin  wurde an das alte Schwimmbad im Kurpark mit seinen „eisigen Temperaturen“ erinnert, oder an die Anfänge des Kurwesens. Es waren alte Ansichten des Marktplatzes und des Anger, wie beispielsweise mit dem 1929 abgebrochenen Hirthaus, zusammengetragen worden. Es waren aber auch Abbildungen des alten Pflasterzoll-Häuschens, das sich auf dem Parkplatz gegenüber dem Gasthof Friedrich befand, zu sehen. Insgesamt war eine interessante Vielzahl von Stadtansichten, immer durch den aktuellen Anblick ergänzt, zusammengetragen worden.
Der Hof des Stadtmuseums war auch Treffpunkt für die einzelnen Führungen. Stadtführerin Heidi Hegenbarth legte in ihren Rundgängen den Schwerpunkt auf Handwerk und Architektur. Sie gewährte dabei sehr interessante Einblicke und zeigte unter anderem einen erhaltenen Stein des Kreuzwegs von Veit von Wallenrode unweit der Ölschnitz. Und sie erklärte auch, dass es erwiesenermaßen bis 1910 in der Ölschnitz Flussperlenmuscheln gab und zudem fast jedes Haus seinen eigenen Steg hatte. Im Kurpark schließlich gab sie einige schaurige Sagen rund um die Burgen zum besten.

Bei Heinz Zahn interessierten sich die Teilnehmer für das Thema Bergbau. Er verriet, dass die Felsenkeller am Schlossberg vermutlich Probestollen für die Suche nach Alaunvorkommen waren. Der Stollen „Goldener Schwan“ zur Alaungewinnung hingegen befand sich im Kurhausfelsen beim ehemaligen unteren Stadttor. Heinz Zahl erläuterte, dass der gewonnene Alaunschiefer seinerzeit auf Holzbühnen über der Ölschnitz gelagert wurde.
Nächste Station war die Fahrschule Riedel, wo einst Pottasche hergestellt wurde, die für die Alaungewinnung benötigt wurde. Am Anger stellte sich heraus, dass alle Teilnehmer das Bergwerk „Beständiges Glück“ im Dendrologischen Garten bereits kannten, sodass Heinz Zahn dieses und den einzigen „Goldstollen“ Bad Bernecks hinter der Kelterei Plassenburg ebenso wie den Stollen „Treuherziger Zapf“ im Rimlasgrund mit Bildmaterial vorstellte, denn zugänglich sind die Stollen heute  nicht mehr. Weiterhin erfuhren die Besucher auf dem Rückweg entlang der Ölschnitz, dass man in Berneck auch früher schon Angst vor Hochwasser hatte: Ein geplantes Stauwerk kurz vor der Ölschnitzeinmündung in den Weißen Main wurde seinerzeit durch die Bürger abgelehnt. Der Weg führte Ölschnitz aufwärts am Standort der ehemaligen Stadtmühle unterhalb des heutigen Wehres vorbei und endete am Eingang zum Kurpark, wo sich der zugeschüttete, wohl letzte in Betrieb befindliche (Bad) Bernecker Stollen befindet, in dem – so vermutet man – Eisenstein gefördert wurde.

Die größte Führung des Tages war mit einer Wanderung verbunden. Nach der Verabschiedung durch Turmbläser Harald Hirsch, der vom Schlossberg herab blies und damit an eine alte Bad Bernecker Tradition anknüpfte, wanderte die Gruppe während vier Stunden über die Ruine Alt-Berneck zur Burgkapelle Stein und bekam dabei an vier Stationen Einblicke in ganz unterschiedliche Themenbereiche gewährt.
Den Anfang machte Gabi Wenz mit einem Vortrag zur Flussperlmuschel, über die sich die Besucher bereits vor Beginn der Führung im Innenhof des Museums hatten informieren können. Dort waren neben schriftlichen Informationen das Modell einer Flussperlmuschelbank sowie ein Schaukasten zur Entwicklung und zum Aussehen der Muscheln ausgestellt. Hinter diesen drohte ein von Gabi Wenz nachgemaltes Schild, das bildlich die drakonische Strafe darstellte, die auf den Klau von Muscheln stand, nämlich das Abhacken der Hand. Derartige Schilder waren früher entlang des ganzen Ölschnitzufers zur Warnung aufgestellt.

In der zauberhaften Atmosphäre am Flussufer berichtete Gabi Wenz über die komplexen Umweltanforderungen und die komplizierte Fortpflanzung der Flusspermuschel, deren Larven sich zur Entwicklung an die Kiemen der Bachforelle anheften und die sich dann für weitere vier bis fünf Jahre im Bachgrund eingräbt. Daher sind die Erfolge bei Bemühungen um die Erhaltung und Vermehrung der Muscheln, an denen Gabi Wenz beruflich selbst beteiligt war, auch nur sehr schwer und langfristig zu beurteilen.
Bei der Waldlust übergab Gabi Wenz an Claus Rabsahl, der auf die Ruine Alt-Berneck führte und den Zuhörern dort angesichts des auf den ersten Blick wenig ergiebigen Steinrunds ein lebendiges Bild der damaligen salierzeitlichen Turmburg gab: Ein Turm mit elf Meter Außen- und sechs Meter Innendurchmesser, vermutlich mit drei bis vier durch Holztreppen verbundene und Holzfußböden getrennte Stockwerke.
Nach dem Ausflug ins Mittelalter wurde die Wanderung zum Holzlagerplatz bei Stein und damit in die Zeit der Romantik fortgesetzt: Jürgen Gahn gab dort einen Einblick in das Wirken von Jean Paul, der zu Lebzeiten einen größeren Bekanntheitsgrad als seine heute weltberühmten Kollegen Schiller und Goethe hatte. Jürgen Gahn gab einen kleinen Einblick in das „Leben des vergnügten Schulmeisterlein Maria Wutz“. Die komplizierten Schachtelsätze des Originals brachte er den Zuhörern – nachdem man ja davon ausgehen könne, dass Jean Paul sicherlich auch fränkisch gesprochen habe – in einer selbst erstellten „fränkischen Übersetzung“ vor, die alle begeisterte. Der Vortrag schloss mit einer Auswahl ebenso amüsanter wie kluger Lebensweisheiten des Dichters.
Vor der Burg(-kapelle) Stein wurde die Gruppe standesgemäß mit Kanonendonner empfangen – im Inneren folgten Kaffee, Kuchen und Getränke, denen angesichts des warmen Tages vor Beginn des Vortrags von Georg Wolff kräftig zugesprochen wurde. Passend zum Thema des Tages – „Romantik, Realismus, Revolution – Das 19. Jahrhundert“ – gab Georg Wolf eine Einführung in die politische Situation der damaligen Zeit der napoleonischen Besatzung und die Schlacht bei Lützenreuth 1809, in der die „Deutschen“ (mit einem Augenzwinkern: „es handelte sich um Österreichische und einige Braunschweiger“) das französische Heer besiegten.

Anschließend wurde klar, warum Jürgen Gahn ausgerechnet eine Passage des Schulmeisterlein Wutz gelesen hatte, in der dieser aus der „Kirchen-postille“ (einer Predigtsammlung) vorgetragen hatte: Die Burgkapelle besitzt ein derartiges Buch aus dem 16. Jahrhundert, das sich nach einer Sanierung derzeit dort befindet, und dieses durfte die Gruppe bestaunen. Da sich alle Zuhörer sehr für die Geschichte der Burg Stein interessierten, schloss die Wanderung mit einer ungeplanten Führung durch die Burgkapelle Stein ab, bevor die Gruppe teils mit dem Bürgerbus und teils zu Fuß nach Bad Berneck zurückkehrte.


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