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Keine Chance gegen närrische Übermacht

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Die Wikinger hatten es dem Stadtanzeiger gegenüber angekündigt und machten nun ihre Drohung wahr. Man verzichtete auf den zur festen Einrichtung im Festkalender gewordenen Rathaussturm. Ganz ohne die Stadtverantwortlichen wollte man die Faschingssaison dann aber doch wohl nicht starten. So machte sich zumindest eine drei Mann starke Abordnung auf den Weg ins Rathaus, um Bürgermeister Jürgen Zinnert in die Wikinger-Festhalle zu entführen.

Bürgermeister Jürgen Zinnert zierte sich zwar etwas, aber Wikinger-Vorstand Michael Greiner machte kurzen Prozess. So wurde das Stadtoberhaupt dieses Mal also in die Wikinger-Festhalle entführt. Dort wurde Zinnert mit den zur Unterstützung aufgebotenen Stadträten trotz allen Diskussionen in der Vorfaschingszeit freundlich empfangen.

Es blieb also dabei. Die ungelöste Frage, ob die Wikinger noch Heizkosten für das Jahr 1995 entrichten müssen, ließ die Faschingsgesellschaft auf einen großen Rathaussturm verzichten. In den Vorjahren waren stets Prinzenpaar, Elferrat, Tanzgarden, häufig noch durch auswärtige Abordnungen verstärkt aufmarschiert, um Rathausschlüssel und Stadtkasse in Empfang zu nehmen. Der Sitzungssaal war noch im Vorjahr brechend voll gewesen. Ganz anders also diesmal. Lediglich eine dreiköpfige Abordnung mit den Vorständen Michael Greiner und Kurt Dick, unterstützt durch Georg Bauer als weiteres Vorstandsmitglied, hatte sich auf den Weg ins Rathaus gemacht.
Dort hatte sich sogar eine noch größere Verteidigerschar als noch im Vorjahr eingefunden. Denn außer Bürgermeister Jürgen Zinnert warteten die Stadträte Sandra Schiffel, Richard Schneider und Joachim Beth, letzterer stilecht mit Faschingsorden aus seiner badischen Heimat dekoriert, auf die angekündigte Abordnung. Und Bürgermeistersekretärin Jana Fiedler hatte trotz der Vorgeschichte Sekt zum Empfang aufgebaut. Nur zur Erinnerung: Im letzten Jahr hatte nur ein Stadtrat dem Stadtoberhaupt beigestanden.
So fuhr also ein einsames Fahrzeug vor, die drei Vertreter entstiegen und durften ohne Gegenwehr das Rathaus betreten. „Was habt Ihr überhaupt hier zu suchen?“ wurden sie durch das Stadtoberhaupt empfangen. Und Zinnert stellte zur Begrüßung auch fest, dass die Reihen der Stadträte gleich um 200 Prozent stärker besetzt waren als im Vorjahr. Zinnert zeigte sich dann sogar fürsorglich und übergab mit verschmitztem Blick einen Energieratgeber. Stadtkasse und Rathausschlüssel konnte er hingegen nicht bieten.
Die Wikinger hingegen dankten für das Interesse an ihren Problemen und bestätigten, dass man gerade dabei sei, das Problem der hohen Heizkosten in den Griff zu bekommen. Auf den Rathaussturm habe man allerdings auch verzichtet, da im Rathaus bekanntermaßen „nichts zu holen“ sei, erklärte der Wikinger-Vorsitzende Michael Greiner. Und alle betonten, dass man ohne eine große Abordnung erschienen sei, um keine Kosten zu verursachen.
Das angebotene Gläschen Sekt ließen die Jecken aber schließlich doch nicht aus, um dann sogleich mit harter Hand und ohne Gnade vorzugehen. Entgegen dem freundschaftlichen Vorgeplänkel packten sie das Stadtoberhaupt am Schlips und führten es ab.
Es ging hinunter in die gut gefüllten Wikinger-Festhalle, wo die gesamte Delegation freundlich empfangen wurde. Die Faschingsgesellschaft hatte ein umfassendes Kurzprogramm zusammengestellt. Und es wurde eine richtige kleine Prunksitzung abgehalten – im Beisein einer großen Zahl von Faschingsfans. Durch das abwechslungsreiche Programm führte Kurt Dick. Es präsentierten sich alle Wikinger-Tanzgruppen mit ihren neuen Programmen an Garde- und Showtänzen sowie die Tanzmariechen Kim und Nina. Aus der Kurstadt war zudem das Männerballett der Freiwilligen Feuerwehr mit zwei Auftritten beteiligt. Aber auch Gäste waren an den Klang gekommen, wie die Bayreuther Mohrenwäscher, die Hollfelder Prinzengarde oder das Männerballett aus Kirchleus.

Harald Judas


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