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Trend: Festspielgäste bevorzugen das Umland

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Freie Hotelbetten in Bayreuth! Im Nachgang der Festspielsaison 2014 präsentierte Dr. Manuel Becher, der Geschäftsführer der Bayreuther Marketing und Tourismus GmbH, eine nicht ganz makellose Bilanz „Die Übernachtungszahlen dürften zurückgegangen sein“, wird er bei der deutschen Presseagentur (dpa) nüchtern zitiert. Auch, dass sich das Publikum stark verändert habe, meint Becher festgestellt zu haben. Was doch Anlass zu Spekulationen gibt. Ist die mutmaßlich schon immer feststellbare jährliche Sonderkonjunktur während der Festspielzeit etwa ein Auslaufmodell? Der Stadtanzeiger fragte bei den einheimischen Gastronomen nach, ob sich in diesem Jahr auch in Bad Berneck die gleiche Tendenz ausmachen ließ.

Bei Festspielgästen wird scheinbar ein Aufenthalt in Bad Bernecker immer beliebter.

Bei Festspielgästen wird scheinbar ein Aufenthalt in Bad Bernecker immer beliebter.

„Scheinbar sind die Landhotels beliebter“, ist sich Martina Trier vom Hotel Heißinger sicher. „Bei uns ist nichts leer gestanden“, kann sie die in der Tagespresse geäußerten Meinungen ihrer Bayreuther Kollegen jedenfalls nicht bestätigen. Sie verweist wohl nicht zu Unrecht auf den „riesengroßen Preisunterschied“ zwischen Stadt und Land, der ihrer Ansicht nach immer mehr Gäste dazu bewegen dürfte, sich ein Quartier im Umland zu suchen. Die weitere Erkenntnis laut der Berichterstattung, nämlich dass das Publikum jünger geworden sei, mag sie indes nicht bestätigen. Was im Falle des Hotels Heißinger freilich auch am hohen Anteil von Stammgästen liegen könnte.
Wobei die Erkenntnis aus der Wagnerstadt, dass die gerade zu Ende gegangene Festspielsaison schlechter als die 2013 gelaufen ist, übrigens so von keinem ihrer Kollegen geteilt wurde, um ein Ergebnis unserer kleinen Umfrage gleich vorweg zu nehmen.
Aber auch mit dem Verlauf des Jahres 2014 insgesamt zeigt sich Martina Trier zufrieden und weiß sich auch da mit allen Kolleginnen und Kollegen in Bad Berneck auf einer Linie.
„Wir waren ganz gut gebucht“, sagt auch Kai Seißer vom Hotel Lindenmühle. Der allerdings schon festgestellt hat, dass das Publikum der Festspiele jünger geworden ist. Was er freilich plausibel auf den gestiegenen Online-Verkauf von Tickets zurückführt. Da sich Bezieher von Online-Tickets auch online über ihr Quartier informieren, können sie gute Vergleich ziehen, erklärt Seißer. Und: „Im Umland ist das Preis-Leistungs-Verhältnis besser“, weiß er auch aus eigenen Vergleichen. Seißer hat übrigens auch festgestellt, dass seine Gäste inzwischen mit großer Mehrheit über das Internet buchen. Eine Quote von 80 bis 85 Prozent an Online-Buchungen gingen in der Lindenmühle ein. Gut angekommen ist laut Lindenmühle-Geschäftsführer auch der Einsatz von Shuttle-Bussen hinaus zum Grünen Hügel. „Unsere Erwartungen sind vollkommen erfüllt“, zieht er auch über die Festspiel-Saison hinaus ein insgesamt positives Fazit für das laufende Jahr.
„Den Bus-Shuttle nehmen unsere Gäste auch gerne an“, pflichtet Horst Friedrich vom gleichnamigen Gasthof seinem Kollegen bei. Und mit den Worten „nein, es hat nicht nachgelassen“ kann auch Friedrich kein sinkendes Interesse der Festspielgäste an der Kunst- und Kulturstadt Bad Berneck erkennen. Auch für Friedrich ist klar, woran die Bayreuther Probleme liegen könnten. „Der Preisunterschied macht’s, Bad Berneck ist mehr gefragt.“ Hinzu komme der Reiz von Bad Berneck und seiner Umgebung einschließlich dem Essensangebot – auch nach den Aufführungen. Friedrich hat allerdings schon gewisse Entwicklungen in der Struktur seiner Gäste ausgemacht: mehr Jüngere als früher.
Auch abseits der Festspielsaison herrscht Zufriedenheit im Hause Friedrich, wobei der Gastwirt einige neue Gästegruppen begrüßen durfte. „Wandern ohne Gepäck haben wir öfters“, erklärt er. Aber auch Fahrrad- und Motorradurlauber kämen inzwischen vermehrt. „Ich bin auf jeden Fall mit 2014 zufrieden“, zieht auch Horst Friedrich eine positive Bilanz für das Gesamtjahr.
„Eigentlich nicht“, kann auch Georg Merkel vom Hotel Merkel in der Übernachtungsbilanz des eigenen Hauses keinen Hinweis darauf finden, dass die Festspielsaison 2014 im Vorjahresvergleich schlechter gelaufen sein könnte. Einen Unterschied hat er indes schon ausgemacht: „Sehr viele Franzosen waren heuer da.“. Wieso das? Nun, eine rechte Erklärung dafür hat er nicht. Was er allerdings festgestellt hat, ist, dass dieses Mal einige Festspielgäste vom Ring enttäuscht waren. Früher hätten hernach meist positive Meinungen vorgeherrscht. Merkel hofft nun, dass dies nicht ein sich generell verschlechterndes Image der Festspiele zur Folge hat und sich damit Auswirkungen auf das Interesse der Festspielgäste in den kommenden Jahren ergeben. Über den Verlauf der Festspielzeit und des gesamten Jahres 2014 zeigt sich Merkel ebenfalls „sehr zufrieden“.
„Das hat mit der „Preispolitik der großen Hotels zu tun“, ist auch Wolfgang Teufel vom Hotel und Gasthof Goldner Hirsch überzeugt davon, dass seine Kollegen in Bayreuth inzwischen wohl bei den Übernachtungspreisen überzogen haben und deshalb zunehmend Festspielgäste in das Umland abwandern. „Meistens hat man sein Klientel“, stellt dann auch Teufel heraus, dass bei ihm Stammgäste einen wichtigen Part unter den Festspielgästen ausmachen. Dann sei nur die Frage entscheidend, ob diese auch entsprechend Karten bekommen oder nicht. Wenn es generelle Umschichtungen bei ausländischen Gästen geben sollte, dann sei das im Umland wohl weniger zu spüren, vermutet er und freut sich, dass der Trend im gesamten Jahr 2014 bislang „auf Vorjahresniveau“ liegt.
Die Erfahrungen seiner Kolleginnen und Kollegen bestätigt als letzter Teilnehmer unserer Umfrage auch Richard Schmidt vom Haus Bauer. Obgleich auch er festgestellt hat, dass der letzte Ring weniger Nachfrage nach Betten ausgelöst hat als das in der Vergangenheit der Fall war. Insgesamt spricht Schmidt von „eine ganz guten Auslastung. Was die Altersstruktur betrifft, haben in seinem Haus die Gäste „im Mittelbereich von 40 bis 60“ zugelegt. Viele seiner Gäste finden vor allem das kulturelle Angebot im Umland interessant. „Die Kultur hört nicht beim Festspielhaus auf“, weiß er und denkt, dass Bad Berneck hier punkten kann, weil man im kulturellen Bereich letztlich ja gut aufgestellt sei. „Bis jetzt habe ich das Gefühl: Ja“, geht auch Schmidt davon aus, dass die guten Zahlen des Vorjahres wieder erreicht werden können.
Alles im Lot, lässt sich scheinbar zusammenfassend zur Auslastung und den Übernachtungszahlen in Bad Berneck sagen. Die beschriebenen leeren Betten in Bayreuth scheinen eine selbst verschuldete Entwicklung in der Festspielstadt zu sein – ausgelöst durch überzogene Preise. Wobei die inzwischen eingeführte Online-Buchung von Festspiel-Tickets offenbar die Auswirkung hat, dass vermehrt Festspielgäste in den Besitz von Karten kommen, die auf den Preis achten. Aber auch dies ist eine Entwicklung, von der die Hoteliers und Gastronomen im Umland und damit auch in Bad Bernecks künftig noch mehr profitieren können.

 

Zahlen geben Anlass zur Hoffnung: Tiefpunkt könnte überwunden sein

Man wurde regelrecht einbestellt. Es gab Kaffee, Plätzchen. Alle Zahlen waren minutiös aufbereitet, die Interpretation lag auch schon parat. Jede kritische Nachfrage wurde im Stile eines Florettfechters pariert: Zu Zeiten Oskar Lochners war die Präsentation der Gästezahlen ein Ritual, fast schon ein Festakt. Doch schon damals, als Oskar Lochner noch den Geschäftsführer der Kur und Tourismus GmbH gab, waren die Zahlen weit weg von dem, was man von einem echten Fremdenverkehrsort erwarten würde.
Sie waren nur ein Bruchteil dessen, was Bad Berneck zu seinen touristischen Hochzeiten verzeichnete. Die fast 90.000 Übernachtungen im Jahr 1991 waren zehn Jahre später schon auf 45.000 zusammengeschrumpft. Heute muss man sich als Medienvertreter selbst um die Zahlen bemühen. Die Gründe dafür – sie liegen auf der Hand. Natürlich sind die Zahlen kein Aushängeschild mehr. Aber wie sollen sie auch – nach der Schließung des Siemens-Kurzentrums vor fast zehn Jahren und einem auch sonst stetig abnehmenden Bettenangebot? Es ist also kein Wunder, dass die von der Tourist-Information registrierten Übernachtungen im Jahr 2013 gerade einmal die 25.000er Marke kratzten.
Das ist wenig! Und kein Grund in Jubel auszubrechen. Aber: So schlecht sind die nun veröffentlichten Zahlen (siehe nebenstehende Tabelle: hier sind alle Häuser erfasst, also auch die Kleinbetriebe) auch nicht, es lässt sich durchaus Positives herauslesen. Zum einen ist da die vergleichsweise hohe Zahl an Gästeankünften: 10.938 waren es im Jahr 2013! Das sind mehr als 1992 (10.206), als unsere Stadt über rund dreimal so viele Betten verfügte. Schlussendlich bedeutet dies, dass die wenigen Vermieter samt Tourist-Information und Gesundheitsanbietern Einiges richtig machen müssen, um so viele unterschiedliche Gäste anzusprechen.
Apropos Gast: Der hat sich enorm gewandelt. Den klassischen Kurgast gab es schon Anfang der 90er Jahre nur noch vereinzelt, Urlauber hingegen schon, was auch die durchschnittliche Aufenthaltsdauer pro Gast von sieben bis acht Tagen belegt. Im letzten Jahr blieb jeder Gast nur 2,3 Tage im Schnitt. „Bad Berneck ist eben wegen seiner Lage einerseits ein beliebtes Übernachtungsziel für Durchreisende von Nord nach Süd, andererseits eine Anlaufstation für Kurzurlauber“, sagt Gerald Jung von der Tourist-Information. Nicht zu vergessen sind freilich auch die zahlreichen Geschäftsreisenden und Monteure, die Bad Berneck wegen seiner guten Gastronomie und seiner günstigen Übernachtungsmöglichkeit auswählen.
Fast drei Viertel, so sagt Jens Wolfrum vom Schwarzen Roß in Goldmühl, betrage bei ihm der Anteil der Geschäftskunden an den gesamten Übernachtungen. „Noch in den 90er Jahren war das genau umgekehrt. Da waren die Urlauber noch deutlich in der Überzahl“, erinnert sich der Gastwirt.
Aber zurück zur aktuellen Statistik. Sie weist noch mehr Vielversprechendes aus: die Steigerungsrate von 2012 aus 2013 vor allem. Bei den Gästeankünften verzeichnet man eine Steigerung von 16,5 Prozent, bei den Übernachtungen sind es immerhin noch 12 Prozent. Ein rein zufälliges Ergebnis, aufgrund des niedrigen Vergleichswertes aus dem Vorjahr? Oder eine echte Trendwende? Das bleibt abzuwarten. Um von einer nachhaltigen Trendwende zu sprechen, sei es noch zu früh, sagt Gerald Jung. „Der eingeschlagene Weg aber ist richtig.“ Was er mit eingeschlagenem Weg meint: Vor allem die Online-Präsenz zu pflegen sowie Buchungs– und Bewertungsportale zu besetzen. Wie schon berichtet, sind die Bad Bernecker Vermieter hier sehr eifrig.
Und dann ist da ja noch das gute Gefühl für das laufende Jahr. Wie unsere Umfrage zeigte, sind alle größeren Gastronomiebetriebe bislang mit ihren Übernachtungszahlen zufrieden. Möglicherweise ist also ja tatsächlich eine Trendwende eingeläutet worden.

 


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